Von Udo Skoppeck

Einerseits wird hier tatsächlich etwas gegen den Fahrermangel unternommen. Es werden Menschen gezielt ausgewählt, sprachlich vorbereitet, mit dem künftigen Arbeitgeber zusammengebracht und nach Deutschland begleitet. Das ist deutlich mehr als einfach irgendwo Fahrer anzuwerben und sie ins Fahrerhaus zu setzen.
Andererseits steckt in dem Artikel ein Satz, über den man aus Sicht eines erfahrenen Berufskraftfahrers unbedingt reden sollte: „Wir haben diese Berufe über Jahrzehnte entwertet und wundern uns jetzt, dass niemand mehr will.“
Genau da liegt für mich der Kern. Denn ausländische Fahrer können den akuten Mangel lindern. Sie lösen aber nicht automatisch die Ursachen des Fahrermangels.
Wenn ein tunesischer Fahrer ein Jahr Deutsch lernt, sich auf seinen künftigen Arbeitgeber vorbereitet, Prüfungen ablegt und schließlich nach Deutschland kommt, dann ist das zunächst einmal ein beeindruckendes Integrationsprojekt.
Und wenn er hier tatsächlich als Kollege aufgenommen wird, ordentlich bezahlt wird und vernünftige Arbeitsbedingungen vorfindet, kann daraus eine echte Erfolgsgeschichte werden.
Aber man muss auch die Frage stellen: Wieso müssen wir jetzt auch Menschen aus Tunesien holen, damit eine Tätigkeit ausgeübt wird, die in Deutschland jahrzehntelang von deutschen und hier lebenden europäischen Fahrern getragen wurde?
Und noch wichtiger, was machen wir mit den Arbeitsbedingungen, die dazu geführt haben, dass dieser Beruf für viele Menschen unattraktiv geworden ist?
Denn der Fahrermangel besteht nicht nur aus fehlenden Führerscheinen.
Es geht um:
- lange Abwesenheit von der Familie
- Wartezeiten an Rampen
- fehlende sanitäre Einrichtungen
- schlechte Behandlung bei Kunden
- Parkplatzprobleme
- Wochenenden irgendwo auf einem Autohof
- zunehmende Bürokratie und Kontrolle
- Zeitdruck
- Verantwortung für Ladung und Fahrzeug
- und eine Bezahlung, die diese Belastungen nicht immer angemessen widerspiegelt
Wenn wir diese Probleme nicht angehen, besteht die Gefahr, dass ausländische Fahrer lediglich die Lücke füllen, die wir bei den Arbeitsbedingungen geschaffen haben.
Besonders interessant finde ich deshalb die Aussage des jungen Monheimers über das Ansehen des Berufs in Tunesien. Vielleicht sollten wir uns genau diese Frage stellen: Warum ist der Lkw-Fahrer dort noch ein Berufswunsch und hier für viele Jugendliche kein Berufsziel mehr?
Die Antwort darauf wäre wesentlich interessanter als die nächste Statistik über fehlende Berufskraftfahrer.
Und noch etwas gefällt mir an dem Projekt: Die Aussage „Dann sind es einfach die Kollegen“ ist eigentlich genau das, was Integration leisten sollte.
Nicht „die Tunesier“, nicht „die Ausländer“, sondern Kollegen.
Das wäre aus meiner Sicht auch der richtige Maßstab für die gesamte Debatte.
Ausländische Berufskraftfahrer können ein Teil der Lösung sein. Aber sie dürfen nicht zur Ausrede werden, die notwendigen Veränderungen im deutschen Transportgewerbe nicht anzupacken.
Denn Fachkräfte gewinnt man langfristig nicht nur durch Anwerbung im Ausland.
Man gewinnt sie auch dadurch, dass man einen Beruf wieder so attraktiv macht, dass junge Menschen ihn hier überhaupt noch ergreifen wollen.
Quelle: Rheinische Post – Monheimer holt Tunesische Lastwagen-Fahrer nach Deutschland
