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KI übernimmt die Verkehrskontrolle

Von der Geschwindigkeitsmessung zur Verhaltenskontrolle: Italien testet mit „SafeDrive“ ein Überwachungssystem, das Autofahrer und Lkw-Fahrer während der Fahrt analysieren kann. Smartphone in der Hand, fehlender Sicherheitsgurt oder abgelaufene Fahrzeugdokumente? Die Technik soll deutlich mehr erkennen als ein klassischer Blitzer.

Mit modernen KI-Systemen könnte sich das grundlegend ändern. In Italien läuft derzeit ein 90-tägiger Test mit „SafeDrive“. Das System soll nicht nur Fahrzeuge und Kennzeichen erfassen, sondern auch erkennen, was während der Fahrt im Fahrzeug passiert.

Damit beginnt eine neue Dimension der Verkehrskontrolle. Nicht mehr nur das Fahrzeug steht im Mittelpunkt, sondern zunehmend auch das Verhalten des Menschen hinter dem Lenkrad.

Mehr als nur Geschwindigkeit

Getestet wird SafeDrive auf der Schnellstraße Firenze–Pisa–Livorno, der Fi-Pi-LI, in der Toskana, einer stark belasteten Verkehrsverbindung zwischen Florenz und der westlichen Küste.
Die Anlage wurde nahe Lastra a Signa installiert und kann Fahrzeuge in beide Fahrtrichtungen überwachen.

In Italien läuft derzeit ein 90-tägiger Test mit „SafeDrive“. Das System soll nicht nur Fahrzeuge und Kennzeichen erfassen, sondern auch erkennen, was während der Fahrt im Fahrzeug passiert. Das bild zeigt einen Autobahnabschnitt in der Toskana.
In der Toskana läuft derzeit ein 90-tägiger Test mit „SafeDrive“. Das System soll nicht nur Fahrzeuge und Kennzeichen erfassen, sondern auch erkennen, was während der Fahrt im Fahrzeug passiert

Technisch setzt das System auf hochauflösende Kameras und Infrarotbeleuchtung. Dadurch sollen auch bei Dunkelheit und schwierigen Lichtverhältnissen verwertbare Aufnahmen entstehen.

Interessant wird es bei der Auswertung: Die Software kann mehrere Fahrspuren und Fahrzeuge gleichzeitig analysieren.

Dabei soll sie unter anderem erkennen:

  • ob ein Fahrer während der Fahrt ein Smartphone benutzt
  • ob der Sicherheitsgurt angelegt ist
  • welches Kennzeichen zu einem Fahrzeug gehört
  • ob Versicherungsschutz besteht
  • ob die technische Untersuchung des Fahrzeugs noch gültig ist.

Der entscheidende Unterschied zum herkömmlichen Blitzer: Die Kamera schaut nicht nur auf das Fahrzeug, sie schaut auch in den Innenraum.

Datenschutz: Gesichter werden automatisch unkenntlich gemacht

Genau hier stellt sich natürlich die Frage nach dem Datenschutz. Denn wenn Kameras den Innenraum eines Fahrzeugs erfassen können, werden zwangsläufig auch Personen aufgenommen. Im italienischen Test wurde deshalb eine technische Schutzmaßnahme vorgesehen.

Die Gesichter der Insassen sollen noch vor der Speicherung automatisch unkenntlich gemacht werden.

Entwickelt wurde SafeDrive vom toskanischen Unternehmen Sodi Scientifica. Das Unternehmen ist bereits im Bereich automatisierter Verkehrskontrolle aktiv und hat unter anderem ein Radarsystem für dieselbe Strecke geliefert.

Erst einmal keine Strafzettel

So beeindruckend die Technik klingt: Während des 90-tägigen Testlaufs gibt es keine automatischen Bußgelder.

Und das ist ein wichtiger Punkt. Denn Technik und Gesetz sind offenbar noch nicht auf demselben Stand. Nach den derzeit geltenden italienischen Vorschriften müssen bestimmte Verstöße, beispielsweise die Handynutzung während der Fahrt oder ein fehlender Sicherheitsgurt, von einem Polizeibeamten festgestellt werden.

SafeDrive kann also einen möglichen Verstoß erkennen, daraus aber nicht automatisch einen rechtskräftigen Bußgeldbescheid erzeugen.

Ein denkbares Szenario wäre deshalb zunächst eine Art digitale Vorabkontrolle. Das System erkennt einen möglichen Verstoß und übermittelt die Information an eine Polizeistreife in der Nähe.
Diese hält das Fahrzeug an und überprüft die Situation.

Für eine vollständig automatisierte Ahndung müsste der Gesetzgeber allerdings entsprechende rechtliche Voraussetzungen schaffen.

Und natürlich sind auch Lkw im Visier

Für Berufskraftfahrer und Transportunternehmen dürfte der Test besonders interessant sein. Denn die Strecke ist nicht nur stark vom Pkw-Verkehr geprägt.
Sie ist gleichzeitig eine wichtige Verbindung für Industrie und Güterverkehr. Deshalb werden auch schwere Nutzfahrzeuge von SafeDrive erfasst.

Heute konzentrieren sich viele technische Kontrollen beispielsweise auf Geschwindigkeit, Maut, Abmessungen oder bestimmte Fahrzeugdaten.
Systeme wie SafeDrive könnten dagegen mehrere Informationen miteinander verbinden.

Ein Fahrzeug könnte während der Fahrt gleichzeitig hinsichtlich

  • Fahrerverhalten
  • Kennzeichen
  • Versicherung
  • technischer Prüfung und weiterer Fahrzeugdaten

überprüft werden. Und genau darin liegt der eigentliche Wandel.

Katalonien geht einen ähnlichen Weg

Denn Italien ist mit diesem Ansatz nicht allein. Auch in Katalonien wurde 2026 ein mobiles KI-System auf den Autobahnen A-2 und AP-7 getestet.
Dort sollte die Technik ebenfalls Handynutzung und fehlende Sicherheitsgurte erkennen.

Die Ergebnisse zeigen, welches Potenzial solche Systeme haben könnten. Während des Tests wurden mehr als 8.500 mögliche Fälle von Handynutzung und rund 4.500 mögliche Gurtverstöße festgestellt.

Die Erkennungsgenauigkeit lag insgesamt bei mehr als 70 Prozent. Bei der Erkennung von Handynutzung soll das System sogar auf 84 Prozent gekommen sein.

Ob die Technologie dauerhaft eingesetzt wird, soll unter anderem anhand dieser Ergebnisse entschieden werden.

Die Verkehrskontrolle verändert sich

Und genau hier wird es interessant. Denn die klassische Verkehrskontrolle funktioniert nach einem relativ einfachen Prinzip: Polizei sieht einen Verstoß, Fahrzeug wird angehalten, Fahrer wird kontrolliert.

Die neue Generation technischer Systeme funktioniert anders. Erst kommt die Datenauswertung, dann die Kontrolle.

Kameras können Fahrzeuge erfassen, Kennzeichen automatisch auslesen und bestimmte Verhaltensweisen analysieren.
Anschließend kann gezielt entschieden werden, welches Fahrzeug genauer kontrolliert werden soll.

Das kann für die Polizei durchaus Vorteile haben. Statt Fahrzeuge mehr oder weniger zufällig herauszuwinken, könnten Kontrollen stärker auf konkrete Verdachtsmomente ausgerichtet werden.
Für Fahrer bedeutet es allerdings auch: Die Wahrscheinlichkeit, dass Verstöße überhaupt erkannt werden, steigt.

Für Lkw-Fahrer könnte das besonders interessant werden

Gerade im Güterverkehr gibt es bereits zahlreiche digitale Kontrollmöglichkeiten. Mautsysteme, Kameras, Tachografen, Fahrzeugdaten und automatische Kennzeichenerkennung liefern immer mehr Informationen.

Mit KI kommt nun eine weitere Ebene hinzu. Denn es geht nicht mehr ausschließlich darum, wie lange ein Fahrer gefahren ist oder wie schwer sein Fahrzeug ist. Es geht zunehmend darum, was der Fahrer während der Fahrt macht.

Das kann grundsätzlich sinnvoll sein. Wer während der Fahrt am Handy hängt oder ohne Sicherheitsgurt unterwegs ist, gefährdet sich und andere.
Auch fehlender Versicherungsschutz oder ein nicht gültiger technischer Prüfstatus sind berechtigte Gründe für eine Kontrolle.

Aber die entscheidende Frage lautet: Wie weit darf automatisierte Überwachung gehen?

Technik kann viel, aber nicht automatisch Recht schaffen

SafeDrive zeigt ziemlich deutlich, wo das Problem liegt. Die technische Entwicklung ist inzwischen in der Lage, Dinge zu erkennen, für die früher ein Polizist vor Ort notwendig war.
Das Gesetz muss allerdings festlegen, was mit diesen Informationen anschließend passieren darf.

Genau deshalb sind die 90 Tage in Italien mehr als nur ein Techniktest.

Es ist auch ein Test dafür, wie weit Staaten die automatisierte Verkehrskontrolle künftig ausweiten wollen. Denn wenn eine Kamera heute erkennt, dass jemand ein Handy in der Hand hält, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Warum sollte daraus morgen nicht automatisch ein Bußgeld entstehen?
Und übermorgen vielleicht noch eine ganze Reihe weiterer automatisiert erkannter Verstöße?

Der Blitzer der Zukunft sieht mehr als die Geschwindigkeit

Der klassische Blitzer könnte damit langsam zum Auslaufmodell werden. Die Zukunft der Verkehrskontrolle könnte aus Kameras, KI, Kennzeichenerkennung und miteinander verknüpften Fahrzeugdaten bestehen.
Ein System erkennt einen möglichen Verstoß, gleicht Daten ab und entscheidet, ob eine Kontrolle notwendig ist.

Für die Verkehrssicherheit kann das durchaus Vorteile bringen. Aber genauso wichtig ist eine klare Grenze: Denn nur weil eine Maschine etwas erkennen kann, sollte sie nicht automatisch auch darüber entscheiden dürfen, ob ein Mensch bestraft wird.

Zwischen technischer Möglichkeit und rechtlicher Zulässigkeit liegt schließlich ein ziemlich wichtiger Unterschied. Und genau diesen Unterschied müssen Politik und Gesetzgeber klären, bevor aus dem intelligenten Blitzer ein vollautomatischer Verkehrskontrolleur wird.

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