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Erst Osteuropa, dann Asien, jetzt Brasilien

Ja, jetzt also Brasilien. Bald hat man den ganzen Erdball abgegrast.

Weil Osteuropa irgendwann nicht mehr billig genug war.
Weil Fahrer aus Zentralasien inzwischen ebenfalls Ansprüche stellen.
Und weil Europas Transportbranche seit Jahren ein System aufgebaut hat, das nur funktioniert, wenn irgendwo auf der Welt Menschen bereit sind, für vergleichsweise wenig Geld monatelang im Lkw zu leben.

Das litauische Unternehmen Girteka lässt nun Fahrer in Brasilien rekrutieren und für den europäischen Fernverkehr vorbereiten. Andere Unternehmen aus Litauen, Polen, Österreich oder Spanien planen längst Ähnliches.

Verkauft wird das Ganze als Lösung gegen den Fahrermangel. Nur ist es eigentlich nicht die nächste Stufe eines völlig kaputten Systems?

Der Fahrermangel ist hausgemacht

Die Transportbranche tut seit Jahren so, als wäre der Fahrermangel ein Naturereignis. Als würden junge Menschen in Europa plötzlich einfach keinen Bock mehr auf den Beruf haben.

Vielleicht liegt es aber daran, dass kaum jemand freiwillig wochenlang auf Parkplätzen leben möchte. Oder das Fahrer zwar systemrelevant genannt werden, aber behandelt werden wie austauschbare Verschleißteile.

Vielleicht liegt es daran, dass Auftraggeber jeden Cent beim Transport herauspressen und Speditionen den Druck direkt nach unten weitergeben.

Lkw-Fahrer werden jetzt auch in Brasilien angeworben. Zu sehen sind zwei Renault Lkw, die auf einem Rasthof stehen.
Erst Osteuropa, dann Asien und Afrika, jetzt Südamerika. Lkw-Fahrer die in Europa unterwegs sind, werden mittlerweile auf der ganzen Welt angeworben. Symbolbild.

Der europäische Fernverkehr hat sich über Jahre selbst kaputtgespart. Statt Arbeitsbedingungen endlich so zu gestalten, dass europäische Fahrer wieder Interesse an dem Beruf haben, sucht man lieber Menschen, die schlechtere Bedingungen gewohnt sind oder mangels Alternativen trotzdem unterschreiben.

Das ist keine Lösung. Sondern Lohndumping mit globalem Radius.

„Fahrer-Auktionen“. Allein das Wort ist eine Schande

Besonders widerlich wird es bei den sogenannten Rekrutierungsmodellen, die inzwischen offen diskutiert werden. Da melden Unternehmen ihren Bedarf Monate im Voraus.
Recruiter suchen willige Kandidaten, prüfen Dokumente, organisieren Schulungen und verteilen Fahrer anschließend an Firmen.

In Teilen der Branche wird das inzwischen ernsthaft als „Fahrer-Auktion“ bezeichnet. Man muss sich dieses Wort mal auf der Zunge zergehen lassen.

Nicht Fahrzeuge. Nicht Fracht. Nicht Maschinen. Sondern Menschen.
Menschen, die ihre Heimat verlassen, die Familien zurücklassen, die tausende Kilometer entfernt abhängig von einer einzigen Firma werden.

Und die teilweise sogar eigenes Geld mitbringen müssen, um die ersten Monate in Europa überhaupt überleben zu können.
Wer sowas als modernes Recruiting verkauft, hat jeden Bezug zur Realität verloren.

Abhängigkeit ist kein Kollateralschaden. Sie ist Teil des Systems

Denn genau diese Abhängigkeit macht das Modell für viele Unternehmen überhaupt erst attraktiv.
Wer Arbeitserlaubnis, Aufenthalt und Einkommen an einen Arbeitgeber bindet, schafft automatisch ein Machtgefälle.

Wer Angst haben muss, bei einer Kündigung gleich seinen Aufenthaltsstatus zu verlieren, überlegt sich dreimal, ob er sich über unbezahlte Stunden, miserable Bedingungen oder fragwürdige Abrechnungen beschwert.
Genau deshalb funktioniert dieses System so gut für jene, die möglichst günstigen Transport wollen. Denn je abhängiger der Fahrer, desto geringer die Wahrscheinlichkeit von Widerstand.

Europas Wohlstand rollt auf dem Rücken der Schwächsten

Natürlich erzählen Speditionen jetzt wieder, ohne Fahrer aus Drittstaaten breche die Versorgung zusammen. Das mag sogar teilweise stimmen.

Aber vielleicht sollte man dann endlich mal die Frage stellen, wieso Europas Logistik offenbar nur noch funktioniert, wenn Menschen aus wirtschaftlich schwächeren Ländern unter Bedingungen arbeiten, die viele Europäer zu Recht längst ablehnen?

Die Wahrheit ist unbequem. Denn der europäische Transportmarkt wurde über Jahre zu einem Preiskrieg gemacht. Hauptsache billig. Hauptsache die Ware kommt an. Hauptsache der Kunde zahlt möglichst wenig Versand.
Denn ganz unten in dieser Kette sitzen Fahrer aus aller Welt auf irgendwelchen Rastplätzen und bezahlen den Preis dafür mit ihrem Leben, ihrer Gesundheit und ihrer Zeit.

Jetzt eben auch aus Brasilien.

Der Fahrermangel ist deshalb nicht das eigentliche Problem. Sondern eine Branche, die sich daran gewöhnt hat, Menschen nur noch nach ihrer wirtschaftlichen Verzweiflung auszuwählen.

Quelle: trans.info

2 Kommentare

  1. Gast 15/05/2026

    Wenn es um Wirtschaftspolitik geht, wird oft von Wettbewerbsfähigkeit gesprochen.

    Natürlich ist derjenige, der die gleiche Leistung für weniger Geld erbringt, wettbewerbsfähiger; das gilt für Unternehmen ebenso wie für Arbeitnehmer.

    Ich halte diese Entwicklung aber für sehr kurzsichtig.

    Man darf nicht vergessen, dass der private Konsum an der Wirtschaft eines Landes einen wichtigen Anteil hat.

    Die kann aber nicht florieren, wenn es immer mehr „Billigjobber“ deutscher oder anderer Nationalität gibt.

    Der Arbeitnehmer ist in der Gesamtwirtschaft zwar einerseits ein Kostenfaktor, andererseits gibt er sein Geld aber auch wieder aus und ist somit für die Wirtschaft auch ein Einnahmefaktor – aber um so weniger, je weniger er bekommt.

    Aber das erkläre man zum Beispiel einem Politiker, der meint, es müssten alle sparen, dann ginge es der Wirtschaft besser. Dieses Jahr haben die Verbraucher bei den Ostersüßwaren mal so richtig gespart – da war der Jubel in der Konsumgüterwirtschaft (Supermärkte und Hersteller) aber groß! (Achtung, Ironie!)

    • maik 17/05/2026

      Da ist schon was dran. Denn Wettbewerbsfähigkeit wird oft nur über möglichst niedrige Kosten definiert, dabei vergisst man schnell die andere Seite. Nämlich das Menschen von ihrer Arbeit auch leben können. Denn wenn Löhne immer weiter gedrückt werden, fehlt am Ende genau das Geld, dass wieder in den Konsum und damit in die Wirtschaft zurückfließen würde.

      Die Leute überlegen inzwischen dreimal, ob sie etwas kaufen. Hat man ja bei Ostersüßwaren gesehen, wie gespart wird. Der Handel merkte das. Deshalb dauerhaft nur auf Sparen und Billiglöhne zu setzen, kann keine gesunde Lösung für eine Wirtschaft sein.

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