Von Udo Skoppeck
Es ist schon erstaunlich, wie hartnäckig sich Missverständnisse halten. Besonders dann, wenn es um Arbeitszeit, Lenkzeit und die Bezahlung von Berufskraftfahrern geht.
Genau diese Punkte waren 2014 der Kern meiner Petition, und sie sind es heute noch.
Darum möchte ich diese Fakten und Gedanken erneut zur Diskussion stellen.
Wo fängt eigentlich die Arbeitszeit an? Und wo hört sie auf?
Viele werfen bis heute Arbeitszeit und Lenkzeit in einen Topf. Dabei ist das zweierlei: Lenkzeit ist nur die Zeit, in der ein Fahrer wirklich fährt.
Arbeitszeit ist alles andere: Laden, Sichern, Warten, Organisieren, Hofrunden, Abfahrtkontrollen, Stausituationen, Kommunikation, die ganze Logistik drumherum.
Und dann gibt es noch die Bereitschaftszeit, die zwar offiziell „weder Arbeits- noch Ruhezeit“ ist, aber bezahlt werden muss. Das wissen viele nicht.
Was sagen die Gesetze wirklich?
Nach Arbeitszeitgesetz (ArbZG) gilt:
- 8 Stunden Arbeit pro Tag
- maximal 10 Stunden, wenn es ausgeglichen wird
- 48 Stunden pro Woche
- im Vier-Monats-Schnitt nicht mehr
- maximal 208 Arbeitsstunden pro Monat plus bis zu 36 Stunden Bereitschaftszeit >>> 244 Stunden Gesamtbelastung
Die EU-Verordnung 561/2006 regelt die Lenkzeiten:
- 9 Stunden pro Tag (zweimal pro Woche 10)
- 56 Stunden pro Woche
- 90 Stunden in zwei Wochen
Aber:In Deutschland sind 10 Stunden Lenkzeit real nicht machbar.
Warum? Weil man zusätzlich Abfahrtkontrollen, Ladungssicherung und andere Tätigkeiten erledigen muss. Damit würde man die 10-Stunden-Arbeitszeit sofort sprengen.
Diese Verordnung ist ein Schutzinstrument, kein Leistungsziel. Trotzdem wird sie oft wie eine „Pflichtauslastung“ behandelt.

Der Blick aufs Geld: Mindestlohn vs. Realität. Hier wird es richtig spannend.
Mit einer normalen 40-Stunden-Woche kommt man rechnerisch auf rund 173 Arbeitsstunden pro Monat.
Beispiel Mindestlohn (2019: 9,19 €, 2020: 9,35 €, heute 12,82 €):
2019 (Beispiel aus meiner damaligen Petition):
- 173 Std → 1.582,95 €
- 208 Std → 1.903,20 €
- 244 Std → 2.232,60 €
Das war mein Argument damals: Selbst bei maximaler Belastung lag der Lohn knapp über dem Existenzminimum.
Heute ist der Mindestlohn höher, aber die Belastung ist es auch und viele Speditionen umgehen die Bezahlung von Wartezeiten, Hofzeiten und Bereitschaft.
Das drückt den tatsächlichen Stundenlohn oft weit unter die gesetzlichen Grenzen.
Und wichtig: Spesen sind kein Lohn, Zulagen sind kein Lohn, auch pauschale Monatsgehälter dürfen den Mindestlohn nie unterschreiten, Akkordlohn/Kilometerlohn ist verboten.
Und jetzt der Punkt, über den niemand gerne spricht
Viele Fahrer dokumentieren offiziell nur die Lenkzeit, weil alles andere „nicht vorgesehen“, „schwer zu kontrollieren“ oder „nicht im System“ ist. Offiziell stimmt die Arbeitszeit, aber in Wirklichkeit arbeiten viele längst über dem Limit.
Das war 2014 so, dass ist 2025 immer noch so.
Was ich mir wünsche und wozu ich euch einlade? Ich wünsche mir eine ehrliche Diskussion darüber: Warum gelten Bereitschaft und Wartezeiten oft nicht als echte Arbeitszeit?
Warum ist die Dokumentation immer noch lückenhaft, obwohl die Tachodaten als Kontrollgerät vorhanden sind und es klare Gesetze gibt?
Warum wird so wenig kontrolliert – und warum drückt man ein Auge zu (seitens vieler Verlader und Speditionen), wenn Fahrer überladen sind, übermüdet oder unterbezahlt?
Warum akzeptieren wir einen Wettbewerb, der nur funktioniert, wenn der Mensch dahinter über seine Grenzen geht?
Ich glaube: Ohne faire Bezahlung, korrekte Zeiterfassung und echte Kontrollen wird sich nichts ändern.
Eure Meinung ist gefragt
Wie seht ihr das?
- Fahrer: Wie sind eure Arbeitszeiten WIRKLICH?
- Unternehmer: Wo ist der Wille zu Ehrlichkeit, wo sind die echten Probleme?
- Disponenten: Wo hakt es im Alltag?
- Verbraucher: Was denkt ihr, was der Transport wirklich „kosten darf“?
Schreibt es in die Kommentare. Ich freue mich auf eine faire, sachliche und ehrliche Diskussion.
Für mehr Respekt. Für faire Regeln. Für eine Branche, die uns alle trägt.
