Schreibe den ersten KommentarWenn im Supermarkt die Preise für Kaffee und Schokolade heftig steigen, dann tun sich Reporter jedenfalls deutlich schwerer, den Volkszorn pointiert einzufangen.
An der Tankstelle aber liegen die Nerven schon bei mittleren Preisanstiegen zuverlässig blank und zwischen Bentley und Brummifahrern herrscht traute Einigkeit.Vor der Zapfsäule sind eben nicht nur alle gleich, sondern auch alle gleich beleidigt.
Anders ist es zum Beispiel beim Oktoberfest, wo Millionen Menschen die astronomischen Literpreise als weitgehend Gottgegeben hinnehmen, fährt beim deutschen Autofahrer seit jeher die Gewissheit mit, an der Tankstelle persönlich und mit Vorsatz abgezockt zu werden.
Von wem oder warum genau, dazu hat jeder so seine eigene Arithmetik. Ein Lieblingsort der Deutschen ist die Tankstelle also eigentlich nicht.
Eher eine süßsaure Prüfung, der man sich regelmäßig stellen muss und bei der man im Roulette der Zahlen an der Preistafel mal Glück und häufiger noch Pech haben kann.Die Tankstelle als Glückspielautomat, an der man eigentlich immer Pech hat. Sehr schön geschrieben von Max Scharnigg in einem Essay für die Süddeutsche Zeitung
Kategorie: Zitat
Vom alten Haudegen Udo Skoppeck habe ich vor acht oder neun Tagen auf seinem Facebook-Profil ein Zitat gelesen.
Klar, deutlich, unmissverständlich. Besser kann man es eigentlich nicht ausdrücken:
Wir lösen keinen Fachkräftemangel, indem wir neue Menschen in alte Probleme stecken.
Udo Skoppeck (Fahreraktivist der ersten Stunde)
Der Grund dafür? Ich glaube, Udo hat auch auf diesen Artikel angespielt: Spedition rekrutiert ihre Mitarbeiter aus Burkina Faso.
Der ist Ende März in der Westfalenpost erschienen. Allerdings ein plus Beitrag, ohne Abo also nicht lesbar.
Der Fahrermangel ist unbestritten. Denn kaum eine Branche betont seit Jahren so anstrengend auftreibend, wie sehr ihr qualifiziertes Personal fehlt, wie die Logistik.
Nur statt mal konsequent zu hinterfragen, warum sich immer weniger Menschen für den Beruf „Lkw-Fahrer“ entscheiden, dreht sich die Debatte seit langem darum, woher neue Arbeitskräfte kommen könnten. Das ist nicht nur behaglich, sondern auch bequem.
Denn die zentrale Frage lautet doch nicht: „Wo finden wir neue Fahrer?“
Nee. Sondern eher: „Wieso will diesen Job unter den aktuellen Bedingungen eigentlich kaum noch jemand machen?“
Oder anders ausgedrückt, statt darüber zu sprechen, warum sich so wenige Menschen für diesen Beruf entscheiden, wird vor allem darüber nachgedacht, woher neue Arbeitskräfte kommen könnten.
Der Fachkräftemangel wird so zu einer Art Dauerzustand, der immer neue „Lösungen“ hervorbringt, ohne die eigentlichen Ursachen zu beheben.
Dabei sind diese Ursachen längst bekannt. Nämlich zum Beispiel eine hohe Arbeitsbelastung, unattraktive Arbeitszeiten, mangelnde Wertschätzung und oft auch fehlende Perspektiven.
Solange sich daran nichts ändert, wird jede noch so kreative Rekrutierungsstrategie ins Leere laufen.
So bleibt jede Lösung ein Provisorium. Klar kann man natürlich neue Arbeitskräfte gewinnen, aus anderen Regionen, aus anderen Ländern, von anderen Kontinenten.
Aber wenn sie in ein System kommen, welches viele vorher schon verlassen haben, was genau soll sich dadurch eigentlich verbessern?

Aber ich glaube, da schwingt oft die Erwartung mit, dass „andere“ vielleicht eher bereit sind, diese Bedingungen zu akzeptieren. Vielleicht, weil sie weniger Alternativen haben.
Und genau da wird es für mich bedenklich. Denn dann reden wir nicht mehr nur über Fachkräftemangel, sondern auch über ein Ungleichgewicht, das sich Arbeitgeber zunutze machen.
Genau hier liegt das Problem
Ich meine, ein nachhaltiger Ansatz beginnt bei den Grundlagen. Nämlich gleiche Rechte für alle Beschäftigten, faire und transparente Löhne, verlässliche Verträge und Arbeitsbedingungen, die diesen Namen auch verdienen.
Denn am Ende ist die Antwort eigentlich einfach: Eine Tätigkeit, die fair bezahlt wird, planbare Arbeitszeiten bietet und vielleicht auch ein bissel gesellschaftliche Anerkennung erfährt, wird Menschen anziehen, unabhängig von ihrer Herkunft.
Ein Beruf hingegen, der diese Standards nicht erfüllt, wird auch langfristig niemanden halten können, egal wo auf unserem Planeten die Suche nach Arbeitskräften organisiert wird.
Eigentlich sollte es doch egal sein, wo jemand herkommt. Entscheidend ist, ob die Arbeit so gestaltet ist, dass man sie machen will.
Und nicht nur, dass man sie irgendwie macht, weil man keine bessere Option hat.
Solange das nicht passiert, bleibt der Fahrermangel ein hausgemachtes Problem, welches man nicht mit neuen Menschen lösen kann, sondern nur mit besseren Bedingungen. Und da bin ich ganz bei Udo.
2 KommentareKommentare geschlossenLetzte Woche sitz ich im Auto mit nen Kiffer. Mitfahrgelegenheit, ich hab den mitgenommen. Zwei Stunden kein Wort. Chillt einfach nur, guckt aus dem Fenster.
Dann irgendwann aus dem Nichts, guckt der mich an und meint so: „Ey, kennste das? Wenn Du auf der Straße fährst und du hast freie Fahrt und auf der anderen Seite ist Stau?“Ich sag „Joa“. Und er so: „Das macht mich irgendwie glücklich.“
„So Brudi, hast Du da jetzt zwei Stunden drüber nachgefacht?“Alter wo die ihr Glück herholen, er steht morgens auf und denkt, oh, dass wird ein krasser Tag. Ich sitz den ganzen Tag in der Karre, ich hoffe, die anderen haben Stau.
Michael Jäger, Comedian, aus seinem Programm „Unfallkind“
Meine Welt besteht aus meilenlangen endlosen Straßen, die Spuren von zerbrochenen Träumen hinter sich herziehen.
Chris Rea, Sänger und Komponist, im Song „The Blue Cafe“ aus dem gleichnamigen Album
Hi Chris,
Du kanntest mich nicht. Ja, Du wusstest nicht einmal, dass es mich gibt.
Trotzdem haben wir viele Stunden zusammen hinter dem Steuer verbracht.
Hast mir gezeigt, was Freiheit bedeutet und trübe Stunden vertrieben. Du warst ein toller Beifahrer.
RIP Chris Rea
1 KommentarKommentare geschlossenWie zum Teufel kann ein Mensch es genießen, um 6:30 Uhr morgens von einem Wecker geweckt zu werden, aus dem Bett zu springen, sich anzuziehen, sich zum Essen zu zwingen, zu kacken, zu pissen, Zähne zu putzen und im Verkehr zu kämpfen, um an einen Ort zu gelangen, wo man im Wesentlichen viel Geld für jemand anderen verdient und gebeten wird, dankbar dafür zu sein?
Charles Bukowski (1920 – 1994), deutschamerikanischer Dichter und Schriftsteller
1 KommentarWo kommen Sie her?
Überall. Und Nirgendwo.So ist Amerika eben. Aber Sie leben hier schon sehr lang. Wo wohnen Sie?
Na hier Sir. In meinem Truck.
Ich verstehe. Mein Auto ist auch sehr oft ein Bett. Stört mich nicht. Einsamkeit ist schön.Dialog zwischen Juliette Binoche und Morgan Freeman im Roadmovie „Paradise Highway – Straße der Angst“.
Kommentare geschlossenWenn du kein Erbgeld hast, wenn du nicht in irgendeine Bildungssituation gekommen bist, um Sachen sozusagen rational permanent zu durchschauen, sondern immer jeden Tag an deinem Leben dran bist, dann bist du einfach irgendwann hart gefrustet, weil du irgendwann merkst, dieses Versprechen des Kapitalismus, dass ist eigentlich gar nicht erreichbar.
„Ich werde ja nie reich werden, ich werde nie zu Wohlstand kommen. Die verarschen mich.“ Also das sind ja grundehrliche Gefühle, die erst mal einsetzten.Und da sitzt so eine populistische… oder populistische Parteien, haben wir ja seit diesem Jahr mehrere, da greifen die mit ihren Armen rein, wie in so einem „Herr der Ringe“ Film, und ziehen dich umher.
Das ist dieser Monster-Moment, wo die sagen: „Wir protestieren mit dir dagegen.“Carsten Johannes Marcus „Charly“ Hübner, *1972, deutscher Schauspieler, Regisseur und Hörbuchsprecher in der ARD-Sendung „Käpt’ns Dinner“ mit Michel Abdollahi
Kommentare geschlossenDas Kostenniveau der osteuropäischen Speditionen ist so niedrig, da kann kein bayerisches b.z.w. deutsches Transportunternehmen mithalten. Zwar sind die Arbeitsbedingungen wie auch die Fahrerlöhne bei deutschen Transportunternehmen in der Regel signifikant besser.
Dennoch greifen zahlreiche deutsche Unternehmen aus Industrie und Handel bei den billigeren osteuropäischen Angeboten zu, obwohl ihnen mittlerweile bekannt sein müsste, welche Arbeitsbedingungen dort herrschen.Diese Art der Wettbewerbsverzerrung kann nicht unser Verständnis von einem freien Europa sein.
Stefan Doppelhammer, Hauptgeschäftsführer des Landesverbandes Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen (LBT) e.V.
