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Kategorie: Firmen

Streik im Lkw: Gericht entscheidet zugunsten eines Fahrers bei Lohnstreit

Monatelang unterwegs ohne Bezahlung: Ein Lkw-Fahrer wehrt sich mit Erfolg. Der Fall zeigt mal wieder die Schattenseiten der europäischen Logistik.

Ein ungewöhnlicher Arbeitskonflikt im europäischen Transportsektor sorgt derzeit für Aufmerksamkeit: Ein Lkw-Fahrer aus Tadschikistan hat vor dem Bezirksgericht Overijssel durchgesetzt, dass er seine Arbeit unterbrechen und sogar den Lastwagen zurückhalten durfte, um ausstehenden Lohn einzufordern.

Der Fall wirft mal wieder ein Schlaglicht auf die oft unsäglichen Arbeitsbedingungen hinter dem Warenverkehr in Europa.

Wochenlanges Ausharren im Lkw

Der Fahrer, der für ein litauisches Transportunternehmen tätig war, hatte über Monate hinweg in Westeuropa gearbeitet. Wie die meisten Fernfahrer lebte er dabei größtenteils in seinem Fahrzeug.

Als sein Arbeitgeber begann, den Lohn nur noch teilweise zu zahlen, entschied er sich zu einem drastischen Schritt: Er stellte seinen Lkw im Hafen von Rotterdam ab und blieb dort mehrere Wochen in der Kabine. In der Hoffnung, so die ausstehenden Zahlungen durchzusetzen.

Gericht stärkt Arbeitnehmerrechte

Ein niederländisches Gericht gab dem Fahrer nun Recht. Es entschied, dass er berechtigt war, die Arbeit niederzulegen und den Lkw als Druckmittel zurückzuhalten, bis sein Lohn gezahlt wird.

Der Arbeitgeber wurde verpflichtet, rund 18.000 Euro nachzuzahlen.

Besonders bemerkenswert: Das Gericht bestätigte, dass sich der Fahrer auf ein rechtliches Prinzip berufen konnte, das es erlaubt, Eigentum vorübergehend zurückzuhalten, wenn Forderungen nicht beglichen werden.

Kein Einzelfall

Was zunächst wie ein außergewöhnlicher Einzelfall wirkt, ist laut Experten Teil eines größeren Problems.

Im europäischen Straßengüterverkehr arbeiten viele Fahrer, häufig aus Nicht-EU-Ländern, unter schwierigen Bedingungen. Lange Einsatzzeiten, Leben im Fahrzeug und unklare oder verzögerte Bezahlung sind keine Seltenheit.

Viele Lkw-Fahrer aus Osteuropäischen und Asiatischen Staaten sind oft Monate unterwegs. Das Bild zeigt einen Lkw, dessen Fahrer Wäsche am Kühlergrill aufgehangen hat.
Leben und arbeiten im Lkw

In diesem konkreten Fall war der Fahrer fast neun Monate ununterbrochen unterwegs, ohne eine realistische Möglichkeit, in sein Beschäftigungsland zurückzukehren.

Auswirkungen über den Einzelfall hinaus

Der Konflikt blieb nicht ohne Folgen für andere Beteiligte: Ein großer Auftraggeber setzte die Zusammenarbeit mit dem betroffenen Transportunternehmen vorübergehend aus.

Das zeigt, wie eng wirtschaftliche Abläufe miteinander verknüpft sind. Probleme bei Arbeitsbedingungen können sich schnell entlang der gesamten Lieferkette auswirken, bis hin zu internationalen Geschäftsbeziehungen.

Ein Signal für den europäischen Arbeitsmarkt

Gewerkschaften sehen in dem Urteil eine wichtige Grundsatzentscheidung. Es beantwortet eine zentrale Frage: Darf ein Arbeitnehmer zu solchen Mitteln greifen, wenn sein Lohn ausbleibt?

Die Antwort des Gerichts: Unter bestimmten Umständen ja.

Damit könnte der Fall Signalwirkung für viele ähnliche Situationen haben, die bislang oft im Verborgenen bleiben.

Ein strukturelles Thema

Die Dimension des Problems wird durch Zahlen deutlich: Zehntausende ausländische Fahrer arbeiten für Transportunternehmen in Europa, viele davon unter unsicheren Bedingungen.

Gleichzeitig stehen Unternehmen unter hohem Wettbewerbsdruck, was zu Kostensenkungen führen kann, oft zulasten der Beschäftigten.

Der Fall zeigt, dass es hier nicht nur um einen einzelnen Konflikt geht, sondern um grundlegende Fragen:

  • Wie werden Arbeitsrechte im internationalen Kontext durchgesetzt?
  • Wer trägt Verantwortung entlang komplexer Lieferketten?
  • Und wie kann faire Bezahlung sichergestellt werden?

Fazit

Der Fall des Lkw-Fahrers aus Tadschikistan ist mehr als eine juristische Auseinandersetzung. Er macht sichtbar, unter welchen Bedingungen ein Teil des europäischen Warenverkehrs funktioniert und wo es noch erhebliche Probleme gibt.

Gleichzeitig zeigt das Urteil, dass auch in komplexen internationalen Arbeitsverhältnissen Rechte durchgesetzt werden können.

Quelle: trans.info, de Rechtspraak

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Duvenbeck. Wenn Logistik wie ein Finanzprodukt behandelt wird

Die DVZ (plus Artikel, nur für Abonnenten lesbar) und trans.info berichten aktuell über eine angespannte wirtschaftliche Situation beim Logistikdienstleister Duvenbeck.

Demnach prüft der Mehrheitseigentümer Waterland einen möglichen Ausstieg. Mit der Suche nach einem Käufer soll die Beratung PwC beauftragt worden sein.

Nach der Übernahme im Jahr 2022 hatte Waterland mit Hakan Bicil einen neuen CEO installiert, der zuvor unter anderem für CEVA Logistics und Imperial Logistics tätig war.
Bicil ist Ende 2025 ausgeschieden, aktuell wird das Unternehmen von einem externen Sanierungsmanager geführt.

Als Gründe für die aktuelle Entwicklung werden mehrere Faktoren genannt. Im Zuge ehrgeiziger Wachstumspläne, der Umsatz sollte deutlich gesteigert werden, wurden offenbar auch Geschäfte zu Konditionen abgeschlossen, die sich im Nachhinein als wirtschaftlich herausfordernd erwiesen haben.

Gleichzeitig sorgten Veränderungen im Top-Management für Unruhe, und es wird vereinzelt darauf verwiesen, dass sowohl auf Eigentümer, als auch auf Führungsebene die spezifischen Anforderungen des Automotive-Geschäfts nicht immer vollständig berücksichtigt wurden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Kunden: Laut Bericht sollen sich große Hersteller wie Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz Ende vergangenen Jahres an einer Stabilisierungslösung beteiligt haben.
Über eine Treuhandkonstruktion sei demnach auch Kapital bereitgestellt worden, ein Hinweis auf die enge Einbindung von Duvenbeck in bestehende Lieferketten.

Thomas Duvenbeck, der das Unternehmen lange Zeit prägte und weiterhin rund 30 Prozent hält, soll einen Rückkauf des Unternehmens nicht angestrebt haben.

Für Aufmerksamkeit sorgt zudem, dass Waterland erst vor Kurzem die Mehrheitsübernahme am Stückgutnetzwerk Palletways kommuniziert hat.
Das zeigt, dass der Investor grundsätzlich weiter auf Logistik setzt. Auch wenn sich die einzelnen Segmente in ihren Anforderungen und Margenstrukturen deutlich unterscheiden.

Unterm Strich zeigt der Fall weniger eine einzelne Ursache als vielmehr das Zusammenspiel aus ambitionierter Wachstumsstrategie, Marktumfeld und operativer Umsetzung.
Wie es weitergeht, hängt nun vor allem davon ab, ob sich ein neuer Eigentümer findet, der die bestehende Struktur stabilisiert und weiterentwickelt.

Quellen: DVZ, trans.info

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Betz International meldet Insolvenz an

Die Betz International GmbH, eine Tochtergesellschaft der Willi Betz-Gruppe hat laut einem entsprechenden Bericht des „Reutlinger General-Anzeigers“ am 2. April Insolvenz angemeldet.
Damit könnte ein weiteres Kapitel einer Marke enden, die über Jahrzehnte hinweg den europäischen Straßengüterverkehr maßgeblich geprägt hat.

Vor der Jahrtausendwende galt Willi Betz als einer der dominierenden Transport-Giganten auf Europas Straßen. Die markanten Lkw-Flotten waren ein vertrauter Anblick auf den wichtigsten Verkehrsachsen des Kontinents.

Zu sehen ist ein Lkw der ehemaligen Spedition Willi betz.

Das Unternehmen stand sinnbildlich für eine Zeit, in der westeuropäische Speditionen den Markt bestimmten, bevor zunehmend große Flottenbetreiber aus Osteuropa an Bedeutung gewannen und die Branche nachhaltig veränderten.

In den vergangenen Jahren hatte sich das Geschäftsmodell der Betz International GmbH deutlich gewandelt. Statt als klassischer Spediteur mit eigener Flotte aufzutreten, konzentrierte sich das Unternehmen vor allem auf den Linienverkehr sowie die Rolle als Netzwerk-Frachtführer für andere Speditionen.
Dieses Modell setzte auf Kooperation, Struktur und Integration in bestehende Logistiknetzwerke, ein Ansatz, der in der heutigen, stark fragmentierten Transportlandschaft weit verbreitet ist.

Quelle: Reutlinger General-Anzeiger

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Waberer’s wächst. Aber nicht mehr auf der Straße.

Auf den ersten Blick liefert Waberer’s für 2025 genau das, was man sehen will. Und zwar steigender Gewinn, solide Umsätze, insgesamt ein erfolgreiches Jahr.
Doch hinter den Zahlen steckt eine Entwicklung, die man durchaus kritisch sehen kann. Vor allem mit Blick auf das eigentliche Kerngeschäft.

Der Konzern kommt auf 816,2 Millionen Euro Umsatz, ein EBIT¹ von 58 Millionen Euro und einen Nettogewinn von 43,6 Millionen Euro. Klingt gut.
Aber, dieses Ergebnis hat nur noch bedingt mit klassischem Transport zu tun.

Das Kerngeschäft verliert an Zugkraft

Ausgerechnet der Bereich, der Waberer’s groß gemacht hat, schwächelt. Der Logistikumsatz ist um 3,3 Prozent auf 655 Millionen Euro gesunken, das EBIT liegt bei gerade einmal 20,4 Millionen Euro.

Das Unternehmen verweist auf das schwierige Marktumfeld, schwache Konjunktur, geringere Industrieproduktion. Alles valide Punkte.
Trotzdem bleibt die Frage: Wie robust ist das Geschäftsmodell, wenn es in solchen Phasen direkt unter Druck gerät?

Zu sehen ist ein Lkw Volvo der Spedition Waberer's. deren Zahlen zeigen soliden Umsatz.

Auch die Reduzierung der Flotte passt ins Bild. Die Zahl der Lkw ist um über fünf Prozent gesunken. Das kann man als Effizienzmaßnahme verkaufen.
Oder als Zeichen dafür, dass Wachstum im klassischen Transport aktuell schlicht nicht drin ist.

Gewinne kommen woanders her

Während die Logistik schwächelt, liefert ein anderer Bereich ab. Nämlich das Versicherungssegment.
Mit 37,6 Millionen Euro EBIT liegt dieses Segment deutlich vor dem Transportgeschäft.

Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wenn ein Logistikkonzern seinen Gewinn zunehmend außerhalb der Logistik verdient, was sagt das über die Attraktivität des Kerngeschäfts aus?

Ein Teil des Erfolgs ist zudem auf die Vollkonsolidierung von Magyar Posta Biztosító² zurückzuführen. Also weniger organisches Wachstum, mehr bilanzieller Effekt.

Nettogewinn mit Verzerrung

Auch der Blick auf den Nettogewinn relativiert das starke Gesamtbild. 9,2 Millionen Euro stammen aus nicht realisierten Wechselkurseffekten.

Ohne diesen Sondereffekt läge der Gewinn bei 34,4 Millionen Euro. Das ist immer noch ordentlich. Aber die Dynamik wirkt plötzlich deutlich weniger beeindruckend.

Strategiewechsel oder Notlösung?

Waberer’s positioniert sich klar neu. Mehr Diversifizierung, mehr Zusatzgeschäft, mehr multimodale Lösungen. Dazu kommt der Umbau in eine Holdingstruktur.

Das kann man als vorausschauende Strategie interpretieren. Man kann es aber auch anders lesen.
Nämlich als Reaktion auf ein Transportgeschäft, das zunehmend unter Druck steht und allein nicht mehr die gewünschten Ergebnisse liefert.

Auch die Expansion in neue Bereiche wie den Personenverkehr wirft Fragen auf. Passt das wirklich zum Kerngeschäft?
Oder ist es eher ein Versuch, neue Erlösquellen zu erschließen, weil die bestehenden nicht mehr ausreichen?

Dauerbaustelle Fahrermangel

Ein strukturelles Problem bleibt ungelöst. Das ist der Mangel an Fahrern. Waberer’s ist hier längst auf internationale Arbeitskräfte angewiesen, aus Osteuropa und zunehmend auch aus Asien.

Das funktioniert kurzfristig, bringt aber neue Abhängigkeiten und Herausforderungen mit sich. Und der Fachkräftemangel greift inzwischen auch auf Lager und nationale Verkehre über.

Im Busgeschäft zeigt sich zusätzlich, wie begrenzt diese Strategie ist. Hier lassen sich Personalengpässe deutlich schwerer über internationale Rekrutierung ausgleichen.

Unterm Strich

Waberer’s liefert 2025 solide Zahlen, keine Frage. Aber die Qualität dieses Wachstums ist diskutabel.

Der Gewinn steigt, während das Kerngeschäft schwächelt. Ein wachsender Teil des Ergebnisses kommt aus Bereichen, die mit Transport nur noch indirekt zu tun haben.
Dazu kommen Sondereffekte, die das Bild zusätzlich aufpolieren.

Die entscheidende Frage lautet daher: Ist das schon die erfolgreiche Veränderung? Oder ein Warnsignal für ein Geschäftsmodell im Wandel?

Die Antwort darauf wird sich wohl erst in den kommenden Jahren zeigen.

¹EBIT steht für „Earnings Before Interest and Taxes“ (Gewinn vor Zinsen und Steuern) und ist eine betriebswirtschaftliche Kennzahl zur Messung des operativen Erfolgs.
Es zeigt, wie profitabel das Kerngeschäft ist, ohne Einfluss von Finanzierungsstruktur, Steuern oder außerordentlichen Posten. Das EBIT wird häufig als Synonym für das Betriebsergebnis verwendet.

²Am 5. März 2026 erwarb die Gránit Biztosító Zrt., eine 100-prozentige Tochtergesellschaft von Waberer’s, die verbleibenden 33,095 % der Anteile von der Minderheitsaktionärin Magyar Posta Zrt.. Der Schritt war Teil einer Rahmenvereinbarung zur strategischen Neuausrichtung. Bereits Ende 2024 hatte Waberer’s die Mehrheit übernommen.
Durch die Erhöhung des Anteils auf 100 % wird Magyar Posta Biztosító nun vollständig in den Konzernabschluss von Waberer’s integriert.

Quelle: Waberer’s Press Room, trans.info

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Und plötzlich macht Rumänien vor, was wir seit Jahren fordern

Von Udo Skoppeck

Ich sitze hier und denke mir: Das kann doch nicht wahr sein. Ausgerechnet Rumänien, ein Land, welches in unseren Lkw-Kreisen oft nur als „Billiganbieter“ verlacht wird, verabschiedet gerade ein Gesetz, dass wir hierzulande seit Jahren fordern und fast wie eine Petitesse behandeln: Fahrer sollen endlich das tun dürfen, wofür sie ausgebildet sind.

Nämlich fahren. Und nicht gleichzeitig Beschicker, Stapler-Freizeitsportler, Paketpacker und Lagerhelfer sein.

Seit Jahren diskutiere ich mit Kollegen, schreibe Beiträge, sammle Beispiele, wie Fahrer systematisch für Aufgaben herangezogen werden, die nicht in ihre verantwortliche Tätigkeit gehören.
Wir haben darauf hingewiesen, dass Fahrer keine Nebenerwerbs-Lagerarbeiter sind.

Ein Hubwagen steht auf einem Auflieger

Nämlich das solche Pflichten Arbeitsrecht, Versicherungsschutz und Gesundheit gefährden und das sie zu einer schleichenden Entwertung unseres Berufsbildes beitragen.

Und jetzt? Rumänien legt einen Gesetzestext vor, der genau das verbietet. Nicht als Empfehlung, nicht als abstrakte Studie. Sondern mit echten Sanktionen, Bußgeldern und einer klaren Zuständigkeit für Verlader und Empfänger. 

Nicht nur das, die Verantwortlichen haben die Ausnahmen genau definiert: Spezialtransporte, wo Laden/Entladen wirklich Kern der Dienstleistung ist, bleiben außen vor.
Alles andere soll von Leuten erledigt werden, die dafür ausgebildet und verantwortlich sind. 

Was sagt uns das? Das politischer Wille und klare gesetzliche Regelung möglich sind, auch wenn es unsere eigenen Parlamente hier in Deutschland nicht schaffen.
Das in Rumänien die Notwendigkeit gesehen wird, die Verantwortlichkeiten fair und sicher zu verteilen. Und dass jemand verstanden hat, dass es beim Güterverkehr um Menschen, nicht nur um Billig-Tonnenkilometer geht.

Vielleicht ist es ein Lehrstück: Nicht immer kommt der Fortschritt aus dem Land, welches wir an der Spitze der Debatte sehen. Manchmal kommt er von dort, wo man ihn am wenigsten erwartet.

Und wenn es Rumänien ist, dann sollte das uns hier in Deutschland daran erinnern: Wir müssen selbst dafür sorgen, dass unsere Berufskraftfahrer den Respekt, die Rechte und die Rahmenbedingungen bekommen, die sie verdienen.

Denn wenn andere es hinkriegen, dann können auch wir es.

Quelle: trans.info

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Warum Italien beschlagnahmt, Deutschland dagegen noch prüft

Rotterdam. Dortmund. Verona. Klingt nach drei völlig verschiedenen Geschichten. Ist aber eigentlich immer dieselbe.

Es geht um Subunternehmerketten. Um Fahrer aus Drittstaaten. Um Firmengeflechte, bei denen am Ende keiner so richtig verantwortlich sein will. Aber alle verdienen.

Und wer lange genug auf Europas Straßen unterwegs ist, weiß: Das ist kein neues Thema.

2013 haben wir schon darüber gesprochen

Vor über zehn Jahren standen Lkw in Berlin vor dem Reichstag. Keine PR-Aktion, keine Show. Sondern Fahrer, die genug hatten von Lohndumping, Scheinfirmen und diesem ewigen „Dafür sind wir nicht zuständig“.

Damals war das für viele ein Randthema. Heute reden wir über beschlagnahmte Millionenbeträge. Vielleicht hätte man früher genauer hinhören sollen.

Italien sagt: Schluss jetzt

2025 haben italienische Staatsanwälte und die Finanzpolizei nicht lange gefackelt. Sie haben zugegriffen.

Nach Medienberichten wurden unter anderem beschlagnahmt:

  • Rund 43 Millionen Euro bei der italienischen Tochter der Rhenus Group
  • Etwa 47 Millionen Euro im Zusammenhang mit DHL Express in Italien
  • Im Umfeld von Amazon sogar rund 121 Millionen Euro sowie spätere Vergleichszahlungen

Der Kern der Vorwürfe: Konstruktionen über Subunternehmen, bei denen Sozialabgaben und Arbeitsrechte umgangen worden sein sollen. Die betroffenen Unternehmen haben Vorwürfe teilweise zurückgewiesen oder auf Kooperation mit den Behörden verwiesen.

zu sehen ist ein lkw volvo auf einem rasthof in italien, dessen fahrer seine wäsche am kühlergrill trocknet
Wohnen und arbeiten auf wenigen Quadratmetern.

Wichtig ist: Das sind italienische Verfahren gegen italienische Gesellschaften. Aber die Botschaft ist europäisch. Italien zeigt: Wenn man will, kann man Strukturen auch strafrechtlich aufrollen.

Das Spiel mit der Verantwortung

Das Muster kennt jeder in der Branche. Ein großer Auftraggeber vergibt einen Transport. Der Logistiker gibt weiter. Der Subunternehmer gibt weiter. Und irgendwo am Ende sitzt der Fahrer.

Auf dem Papier ist alles sauber. In der Realität ist die Verantwortung so zerstückelt, dass sie kaum noch greifbar ist.

Wenn Lohn fehlt oder Sozialabgaben nicht stimmen, heißt es: „Das war nicht unsere direkte Firma.“
„Dafür ist der Sub zuständig.“

Und so dreht sich das Karussell.

Und Deutschland?

Hier wird natürlich auch kontrolliert. Der Zoll prüft. Es gibt Verfahren. Aktenordner werden gefüllt.

Aber große, öffentlich sichtbare Millionenbeschlagnahmungen bei bekannten Logistikriesen? Eher Fehlanzeige. Man hört von Prüfungen. Von laufenden Ermittlungen. Von komplexen Zuständigkeiten.

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Weitere Informationen

Italien beschlagnahmt. Deutschland prüft. Das ist zumindest der Eindruck, der bei vielen hängen bleibt.

Die, die es wirklich betrifft

Während Juristen diskutieren, schlafen Fahrer monatelang in ihren Kabinen. Arbeiten in Westeuropa, angestellt in Ländern mit niedrigeren Standards. Wenn ein Subunternehmen kollabiert, stehen sie plötzlich ohne Lohn da.

Für sie ist das kein Systemvergleich zwischen Rom und Berlin. Nein, da geht es ums Überleben.

Die eigentliche Frage

Sind es wirklich nur ein paar schwarze Schafe? Oder ist ein System problematisch, das Verantwortung so lange weiterreicht, bis sie praktisch verschwindet?
Wer am Ende vom Transport profitiert, muss auch haften. Punkt. Solange Auftraggeber sich hinter Subunternehmerketten verstecken können, ändert sich nichts.

Italien hat gezeigt, dass man Strukturen antasten kann. Ob Deutschland irgendwann ähnlich konsequent durchgreift?

Das wird nicht nur für die Logistikbranche spannend. Sondern für jeden, der an fairen Wettbewerb in Europa glaubt.

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Einhundert Euro, die niemand sieht. Italiens Wartezeitgesetz scheitert an der Realität

Sechs Monate nach Einführung der 100-Euro-pro-Stunde-Regel für Wartezeiten im italienischen Straßengüterverkehr fällt die Zwischenbilanz ernüchternd aus.

Eine aktuelle Umfrage des nationalen Transportverbands ASSOTIR* zeigt, dass für die Mehrheit der Transportunternehmen die gesetzlich verankerte Entschädigung bislang ohne spürbaren finanziellen Effekt bleibt.

*ASSOTIR (Associazione delle Imprese di autotrasporto) ist ein italienischer Transportverband, der sich auf die Vertretung und den Schutz von kleinen und mittleren Unternehmen im Straßengüterverkehr konzentriert. 

Klare Zahlen, klare Schieflage

Diese Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache:

  • Nur 28 % der mittelgroßen Unternehmen geben an, die Entschädigung erfolgreich durchgesetzt zu haben, wenn Lkw über die gesetzliche Schwelle hinaus warten müssen.
  • Bei Kleinstunternehmen mit ein bis fünf Fahrzeugen, einem Rückgrat des italienischen Straßengüterverkehrs, liegt die Quote bei lediglich 5 %.
  • De facto erhalten damit über 70 % der anspruchsberechtigten Unternehmen keine Zahlung.

Was als starkes politisches Signal gedacht war, droht damit in der Praxis zu verpuffen. Die Daten legen eine wachsende Kluft zwischen gesetzgeberischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität offen.

Eine Reform mit Signalwirkung

Mit dem im vergangenen Sommer verabschiedeten Decreto Infrastrutture setzte Italien ein deutliches Zeichen. Das Gesetz 105/2025 gilt als einer der entschlossensten Eingriffe in die europäische Straßengüterverkehrspolitik der letzten Jahre.

Die zentralen Punkte:

  • 90 Minuten Karenzzeit für Be- und Entladevorgänge
  • Danach 100 € für jede weitere Stunde oder angebrochene Stunde Wartezeit
  • Gesamtschuldnerische Haftung von Auftraggeber und verladeberechtigter Partei
  • Unabdingbarkeit der Regelung (kein vertraglicher Ausschluss möglich)

Im November bekräftigte das italienische Ministerium für Infrastruktur und Verkehr in einem offiziellen Rundschreiben, dass diese Zahlung verpflichtend ist.
Sie darf weder ausgeschlossen noch reduziert oder vertraglich „wegverhandelt“ werden.

Auf dem Papier ist die Regel klar und eindeutig.

Widerstand aus der Praxis

Doch die Umsetzung stieß früh auf Widerstände. Ende 2025 warnte der Branchenverband FIAP*, dass einige Auftraggeber nicht mit Anpassung, sondern mit Druck reagierten.

*Die FIAP (Federazione Italiana Autotrasportatori Professionali) ist ein weiterer Branchenverband für den Straßengüterverkehr in Italien. Sie vertritt die Interessen von Transportunternehmen und Speditionen auf nationaler Ebene. 

Laut FIAP wurden Transportunternehmen, die die 100-Euro-Gebühr in Rechnung stellten, teils mit dem Verlust zukünftiger Aufträge bedroht.
In anderen Fällen sollen Frachtführer aufgefordert worden sein, Verzichtserklärungen zu unterzeichnen, trotz klarer gesetzlicher Unabdingbarkeit.

lkw stehen an einer rampe und warten auf die beladung. zu sehen sind drei weiße iveco und ein blauer scania.

FIAP bewertete solche Klauseln als rechtlich unwirksam und potenziell als Missbrauch wirtschaftlicher Abhängigkeit.
Der Verband informierte die italienische Wettbewerbsbehörde und richtete ein Monitoring-Observatorium ein, um problematische Praktiken an Be- und Entladestellen systematisch zu dokumentieren.

Das Kernproblem: Kein Automatismus

Die aktuellen Daten von ASSOTIR legen nahe, dass die Schwäche der Regelung weniger in ihrer Formulierung als in ihrem Mechanismus liegt. Denn die Entschädigung erfolgt nicht automatisch.
Sie muss aktiv vom Frachtführer gegenüber dem verantwortlichen Auftraggeber geltend gemacht werden.

Für kleine und kleinste Betriebe bedeutet das ein Dilemma:

  • Sie sind häufig von einer begrenzten Zahl an Auftraggebern abhängig.
  • Das Einfordern der Zahlung kann wirtschaftliche Risiken bergen.
  • Die Verhandlungsmacht ist oft ungleich verteilt.

Ein gesetzlich verbrieftes Recht ist in der Praxis schwer durchsetzbar, wenn Marktstrukturen und Abhängigkeiten dagegensprechen.

Gerade Kleinstunternehmen sind doppelt exponiert. Diese leiden besonders unter langen Wartezeiten.
Schon wenige Stunden können Folgeaufträge gefährden und Margen aufzehren und zugleich setzen sie die Entschädigung am seltensten durch.

Der Blick nach Portugal und Spanien

Italien steht mit diesem Ansatz nicht allein. Ähnliche Regelungen wurden in den letzten Jahren bereits in Portugal und Spanien eingeführt.

In Portugal trat 2021 das Decreto-Lei 57/2021 in Kraft. Es:

  • verbietet Fahrern schwerer Nutzfahrzeuge, Be- und Entladetätigkeiten durchzuführen,
  • setzt eine maximale Wartezeit von zwei Stunden fest,
  • erlaubt eine Entschädigung zwischen 12 € und 40 € pro Stunde, abhängig von Fahrzeuggewicht und Transportart,
  • sieht bei Verzögerungen über 10 Stunden einen Zuschlag von 25 % pro weiterer Stunde vor,
  • schreibt zudem Mindeststandards für Wartebereiche (Toiletten, Aufenthaltsräume) vor.

In Spanien gilt seit September 2022 eine vergleichbare Regelung. Sie verbietet Fahrern von Fahrzeugen über 7,5 Tonnen die Durchführung von Be- und Entladearbeiten und führt eine verpflichtende Entschädigung bei Verzögerungen von mehr als einer Stunde in Verteilzentren ein.

Zuvor lag die Schwelle bei zwei Stunden. Zusätzlich enthält die spanische Gesetzgebung Mechanismen zur Anpassung von Transportpreisen an Kraftstoffkosten sowie zur Durchsetzung des EU-Mobilitätspakets, insbesondere in Bezug auf Lenk- und Ruhezeiten.

Fazit: Starkes Gesetz, schwache Durchsetzung

Die italienische 100-Euro-Regel ist politisch ambitioniert und rechtlich klar formuliert. Doch die ASSOTIR-Daten zeigen, dass ohne effektive Durchsetzungsmechanismen selbst eine zwingende Vorschrift in der Praxis oft wirkungslos bleibt.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob die Regel richtig konzipiert ist, sondern ob sie strukturell so ausgestaltet ist, dass insbesondere kleine Marktteilnehmer ihr Recht tatsächlich wahrnehmen können.

Solange die Durchsetzung vom individuellen Mut einzelner Frachtführer abhängt, bleibt die 100-Euro-Stunde für viele ein theoretischer Anspruch, aber kein realer Ausgleich.

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