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Geigerzähler in Thüringen

Otto Z. holt die Todesliste aus dem braunen Schrank in seinem Wintergarten.
Es ist ein kleiner quadratischer Zettel, darauf hat er die Namen seiner ehemaligen Kollegen notiert. Dahinter steht ihr Todesdatum. Z. hat sie chronologisch geordnet. Er nimmt die Liste in die linke Hand, hält sie ein Stück von sich weg und beginnt zu lesen: “S., der war der erste, dann der Sch., F., J.i, D., einen Namen weiß ich nicht mehr genau, und zuletzt der N..”

Z. legt den Zettel auf den Tisch, schiebt ihn einige Male unruhig hin und her und lässt ihn schließlich am Rand der Platte ruhen. Er hat die Liste selbst geschrieben, weil es schon so lange her ist und weil er die Namen manchmal vergisst. Alle sieben sind tot, gestorben zwischen 1989 und 1999 – an Krebs. An Zufall mag Otto Z. nicht mehr glauben. Er nimmt den Zettel, fährt sich mit der Hand über die Stirn und schließt ihn rasch wieder in seinen Schrank. Als müsse er sich vor einem bösen Geist schützen.

Es war Anfang Mai 1986. Die Bundesrepublik in Katastrophenstimmung; Sondersendungen, Brennpunkte flimmerten über die Bildschirme, vor Früchten und Milch wurde gewarnt.


In der DDR war heile Welt, wie immer. Einige Tage zuvor, am 26. April, war der Block 4 des Kernkraftwerks in Tschernobyl explodiert. Eine radioaktive Wolke zog über Europa.

Beim “Kraftverkehr Mühlhausen” in Thüringen war alles ruhig. Regelmäßig verließen voll beladene Lkw den Hof des Speditions-, Bus- und Taxi-Unternehmens, in den Westen und auch in die Ukraine.


Dekontaminierung von Lkw am Grenzübergang Herleshausen

An jenem Tag im Mai kamen die Wagen, die Richtung Westen fahren sollten, zurück.
Die westdeutschen Beamten am Grenzübergang Herleshausen, 40 Kilometer von Mühlhausen entfernt, hatten an den Lkw aus dem Osten, die in der Ukraine oder in Weißrussland unterwegs gewesen waren, überhöhte Strahlenwerte gemessen.
Sie mussten umkehren nach Mühlhausen.

Drüben, erzählte ein Fahrer Otto Z., stünden die Grenzer in weißen Schutzanzügen und mit Geigerzählern in den Händen. Z., der damals Werkstattleiter beim “Kraftverkehr Mühlhausen” war, dachte nur: “Die im Westen übertreiben aber.”
Im Nachhinein zuckt er mit den Schultern. Was wusste man schon.

Es kamen immer mehr Lkw zurück, sie stauten sich auf dem Hof, verstopften die Einfahrt, und niemand wusste, was mit ihnen geschehen sollte. Z. Chef, Klaus N., telefonierte mit der Kombinatsleitung in Erfurt oder mit Funktionären in Berlin.
So genau weiß das keiner mehr, denn auch N. ist inzwischen tot, und niemand hat je richtig nachgefragt.

Die Leitung ordnete an: “Waschen.” N. wiederum beauftragte Z., eine Putztruppe zusammenzustellen.
Eine Journalistin hat Z. später gefragt, ob er dazu seine Feinde oder Freunde ausgesucht habe. Er guckte etwas erstaunt und schüttelte den Kopf. Darüber hatte er nie nachgedacht. Er hat die genommen, die da waren: Schlosser, Busfahrer, welche aus der Reparatur.

Sorgen machte sich keiner. Die Ukraine war weit weg.

Die ersten drei Tage putzten Z. Leute auf Verdacht – ohne Geigerzähler.
In Gummistiefeln, Gummischürzen und mit nackten Händen schrubbten sie die kontaminierten Lastwagen.

Nach drei Tagen bekamen sie einen Geigerzähler von der Zivilverteidigung. Der knisterte den ganzen Tag lang lästig laut. Z. drehte den Ton ab. “Es ging mir auf die Nerven”, sagt er.
Von da an putzten sie im Stillen, und Z. kontrollierte jede Stunde, ob der Zeiger noch ausschlug. Er fragte noch einmal beim Chef nach und der noch mal bei seinem Chef.
Die Antwort: “Das ist nicht gefährlicher als eine atombetriebene Armbanduhr.” Also wuschen sie weiter. Die Wagen aus der ganzen Umgebung, insgesamt mehr als hundert, verteilt auf sechs Wochen.

Die Männer spritzten die Autos mit Wasser ab, zwischendurch hielten sie sich zum Spaß den Geigerzähler an ihre Körper. “Es hat geknistert”, sagt Z.. Und sie haben gelacht.
“Manchmal habe ich das Vierzigfache des Normalwertes gemessen”, erzählt er. Ein Protokoll hat er nicht geschrieben, und es gibt auch sonst keine Akten über die Waschaktion.

Es ist, als hätte es sie offiziell nie gegeben. Z. kann sich nicht daran erinnern, dass er mit den Kollegen über das Thema gesprochen hätte. Tschernobyl lag in einer anderen Welt. Sobald es nicht mehr knisterte, fuhren die Laster wieder weiter.

Draußen hat es angefangen zu regnen. Z. sitzt auf seinem Sessel, die Hände ruhen auf dem Bauch.

Vieles hat er vergessen, er erinnert sich nur noch an Bruchstücke.
Aber er ist der einzige, der noch lebt, der einzige, der die Geschichte noch erzählen kann. Der letzte von acht. Was ist das für ein Gefühl? “Ein komisches”, sagt Z..

Warum hat sich damals keiner aufgeregt, geweigert oder nachgefragt? “Wir hatten Verträge, und jeder wollte den Plan erfüllen wegen der Jahresendprämie.”
Er lächelt, das tut er oft. So hält er ein Stück Abstand zu dem, was auf der Liste in seinem Schrank steht.

Als erster starb Walter S. im April 1989 an Lungenkrebs. Niemandem fiel etwas auf.

Die Menschen in Mühlhausen sagten: “Der hat doch schon immer gequalmt wie ein Schlot.” Seine Witwe wohnt in einem Neubau am Rand der Kleinstadt mit Blick auf den nächsten Block. Ilse S. sitzt auf ihrer Couch und umarmt ein pinkfarbenes Seidenkissen. In der Nachbarwohnung bellt ein Hund.

Letztes Jahr hat die “Bild”-Zeitung sie besucht und ihr erzählt, dass ihr Mann wahrscheinlich gar nicht vom Rauchen, sondern wegen erhöhter radioaktiver Strahlung gestorben ist. Ilse S. war überrascht, die Reporter nahmen ein Foto ihres Mannes und zogen weiter. Danach hat sie den ehemaligen Chef ihre Mannes, Klaus N., im Fernsehen gesehen.

Ihr Mann, damals Reparaturkoordinator, hat ihr nie von den sechs Wochen Putzen erzählt. “Vielleicht wegen der Schweigepflicht”, sagt sie. Sie hatten andere Sorgen.
Zehn Kinder, und ein Sohn war in den Westen abgehauen, eines Nachts mit Freunden quer übers Minenfeld der nahen Staatsgrenze gelaufen. Das war 1972. Danach gab es Hausdurchsuchungen und Verhöre. Ilse S. hat das alles hingenommen.
Was sollte sie machen, sie zuckt mit den Schultern. Sie stand weiter hinter dem Ladentisch des Lebensmittelgeschäfts, die Kollegen ihres Mannes sah sie nur bei Betriebsfeiern.

1988 war ihr Mann bei einer Reihenuntersuchung, da wurden zwei kleine Pünktchen auf seiner Lunge entdeckt. Danach bekam er fast jeden Monat Grippe. Irgendwann ist er dann nochmal zum Arzt. Er kam wieder und sagte zu seiner Frau: “Das ist das letzte Weihnachten, das ich erlebe.” Walter S. dachte damals, seine Krankheit komme von den vielen Bremsbelägen, die er in seinem Leben repariert und eingebaut hatte.
Eine Ärztin hatte die Männer vor ihnen gewarnt – wegen Asbest.

Ilse S. legt das Kissen auf ihren Schoß, ihre Finger ziehen diagonale Bahnen auf dem glänzenden Stoff. Sie kann sich noch gut an das Jahr 1986 erinnern. Es war das Jahr des ersten Klassentreffens mit ihren alten Schulfreunden aus dem ehemaligen Sudetenland.

Sie erzählt, wie sie sich alle wiedersahen nach so vielen Jahren, wie sie geweint haben vor Freude und gefeiert. Noch heute klingen in ihrem Gedächtnis die Gläser und drehen die Paare unendliche Kreise auf dem Parkett.
Sie neigt den Kopf zur Seite und schaut auf ihre Hände. Das Klassentreffen hat alle anderen Ereignisse von 1986 zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Ilse S. kann sich an den GAU in Tschernobyl nicht erinnern, sie weiß nicht, ob sie es damals im Fernsehen gesehen oder im Radio gehört hat. Wahrscheinlich hat sie kurz aufgehorcht und es gleich wieder vergessen. Es gibt kein Tschernobyl in ihrem Leben.

Sie ist jetzt siebzig, und einer ihrer Schwiegersöhne hat ihr geraten, sie solle auf Entschädigung klagen. Aber Ilse S. hat keine Kraft. Sie hat den Tod ihres Mannes nie hinterfragt. “Ach, das ist alles schon so lange her”, sagt sie. Sie fürchtet sich vor dem “Nachbohren”, wie sie es nennt – wegen der Nachbarn, der ehemaligen Kollegen und des Geredes.
Einmal war sie selbst im Fernsehen. Auf der Straße wurde ihr dann hinterher gerufen: “Na, bist du schon ein Star?” Ilse S. lächelt verlegen. Es war ihr peinlich.

Zu den Angehörigen der anderen Opfer hat sie keinen Kontakt, auch Otto Z. hat nie bei ihr angerufen. Wenn sie sich in der Stadt treffen, dann grüßen sie sich.

Otto Z. kann sich noch an den Anruf seines ehemaligen Chefs Klaus N. erinnern.

Es muss 1995 gewesen sein. Er sagte: “Kannste mal herkommen. Mir fällt auf, dass alle, die damals dabei, waren, Krebs hatten.”
Auch bei N. hatten sie Darmkrebs diagnostiziert. Im ersten Moment dachte Z.: “Mensch, der hat Recht, und du bist der nächste.” Er ließ sich untersuchen. Aber er hatte als einziger nichts, gar nichts.
Danach habe er die Sache verdrängt, sagt Z.. Sonst müsse er bei jedem kleinen Ziehen in seinem Körper denken: “Oh Gott, jetzt habe ich es auch.”
Er lacht, und seine Hände schlagen auf den Tisch. Die Schwiegertochter serviert Kaffee und Kuchen. Z. schenkt sich ein. Jedes Jahr geht er jetzt einmal zur Krebsvorsorge.

1991 wurde der “Kraftverkehr Mühlhausen” aufgelöst.
Jetzt heißt er “Regionalverkehr”, und von einst 750 Mitarbeitern sind noch 200 übrig.

Auch Z.musste 1991 gehen und arbeitete die folgenden Jahre als Hausmeister.
Vieles im Haus hat er selbst gebastelt, einen kleinen Teich im Garten angelegt. Einmal wollte er sogar eine Schwimmhalle bauen, aber er ließ es dann doch. Momentan ist er mit der Dämmung des Hauses beschäftigt.

Z. erzählt gern über die Projekte in und an seinem Haus, fast so gern wie über die verschiedenen Autos, die er früher gemeinsam mit den anderen zerlegt und wieder zusammengesetzt hat. In diesen Momenten richtet er sich auf, seine Arme zeichnen Figuren in die Luft, und seine Stimme schraubt sich begeistert in die Höhe. Beim Thema Tschernobyl drückt er sich tief in seinen Sessel. Die Augen fixieren einen unsichtbaren Punkt an der Wand, und er sieht aus, als warte er nur auf einen günstigen Augenblick, um wieder von seinem Garten zu erzählen.
Der Atom-GAU ist Teil seines Lebens geworden, aber Z. will nicht mehr daran denken, nicht mehr darüber reden, am liebsten alles vergessen.

Niemand in Mühlhausen spricht mehr darüber. Und kein Grüner oder Atomkraftgegner hat sich je hierher verirrt, um sich für ihn oder die anderen einzusetzen.
“In Mühlhausen ist das abgehakt”, sagt Z.. Er kann es verstehen.

Klaus N., Zöllners früherer Chef, ging mit seinem Fall an die Öffentlichkeit.
Er hatte sich nach der Wende als Autohändler niedergelassen und beantragte bei der Berufsgenossenschaft für Fahrzeughaltungen in Hamburg die Anerkennung seines Krebsleidens als Berufskrankheit.

Er zog vors Gericht, ließ Gutachten erstellen. Eines stammte von dem Marburger Nuklearmediziner Horst Kuni. Der kam zu dem Schluss, dass N. Krankheit “mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit” auf radioaktive Strahlung zurückzuführen sei.

Das Gutachten der Berufsgenossenschaft sprach dagegen von einer “schicksalhaften Erkrankung”. In der ersten Instanz bekam N. Recht.
Die Berufsgenossenschaft musste zahlen, und N. wurde als erstes offiziell anerkanntes Tschernobyl-Opfer in Deutschland bekannt. Das war 1998.
N. ging es zu diesem Zeitpunkt schon sehr schlecht. Alle zwei Wochen telefonierte er mit Z.. Die Berufsgenossenschaft ging in Berufung. Klaus N. ist am 5. Juli 1999 gestorben mit drei verschiedenen Arten Krebs im Körper.

Der Prozess läuft weiter, die Witwe N. führt ihn jetzt.
Das Landessozialgericht in Erfurt hat nun ein neues strahlenbiologisches Gutachten bestellt. Es soll klären, ob die Strahlung überhaupt hoch genug gewesen ist, um eine Krankheit auszulösen.

Der Gutachter Herwig Paretzke, Leiter des Instituts für Strahlenschutz in München, hält das für relativ unwahrscheinlich. Bei der Berufsgenossenschaft heißt es: “Nach dem, was wir wissen, war es schicksalhaft”, sagt Gerhard Bauer, Leiter der Unfallabteilung.
Außerdem hätte sich keiner der Angehörigen der anderen sechs Opfer bei ihnen gemeldet. Das hat Bauer noch nie erlebt.

N. Frau will sich zu dem Fall nicht mehr äußern. Ihr Mann war nicht sehr beliebt in Mühlhausen.

Früher galt er als treuer Genosse, noch kurz vor der Wende wurde er Bürgermeister. Gleich danach eröffnete er ein eigenes Autohaus. In Mühlhausen ging der Satz um: “Der hat’s wieder geschafft.”

Viele waren neidisch, selbst dann noch, als er schwer krank im Fernsehen auftrat. Jede öffentliche Aufmerksamkeit wird in Mühlhausen genau registriert.
Wenn überhaupt über die einheimischen Tschernobyl-Opfer geredet wird, dann nur mit dem Unterton: Die Betroffenen machen sich wichtig.

Es gibt viele Dinge, die heute bitter machen. Nach dem Mauerfall haben die meisten Betriebe in der Umgebung dicht gemacht, von den 50 000 Menschen, die hier gewohnt haben, sind 7000 weggezogen.

Z. hat den Kuchen geschafft und lehnt sich in seinem braungemusterten Veloursessel zurück. Draußen platscht der Regen an die Scheiben.
Er wurde hier in Mühlhausen geboren, hat hier Elektriker gelernt, ist 1968 zum Kraftverkehr gekommen und hat dort eine Weiterbildung zum Kfz-Schlosser gemacht.

Seine Eltern sind beide an Krebs gestorben. “Meine Frau hat es auch”, sagt er plötzlich in die Stille hinein. Nach dem Satz zuckt er zusammen, presst die Lippen aufeinander, als hätte er es nicht aussprechen dürfen.
Das hier ist nicht weit weg, das ist verdammt nah. Er nimmt noch einen Schluck Kaffee, versucht ein Lächeln und schaut in den Garten. Über den Teich werde er demnächst eine kleine Brücke bauen, erzählt er, zeigt aus dem Fenster, und ein paar Fische will er auch hinein setzen. “Ich richte mich auf die nächsten 30 Jahre ein”, sagt er und fügt leise hinzu: “Ich bin ja gesund.”

Manchmal, aber nur sporadisch, verfolgt er im Fernsehen die Atom-Ausstiegsdebatte. Wirklich sein Kampf ist das nicht. Otto Z. ist nicht wütend auf die Verantwortlichen von einst. “Auf wen denn?”, fragt er und zieht mit einem Ruck die Tischdecke glatt.

Es gibt keine Schuldigen. Nirgends. Es war eine Kette von Rückversicherungen damals. Er hat sich bei N. versichert, der bei seinem Kombinatschef in Erfurt und der wahrscheinlich noch weiter oben. “Am Ende sind wir bei Honecker”, sagt Z. und muss grinsen.
Die endlos lange Kette, in der jeder von jedem abhing, sie hat ein Vakuum hinterlassen. Zum Schluss ist es niemand gewesen, und alles bleibt nur eine Reihe von Zufällen, die vielleicht sieben Menschen das Leben gekostet hat.

Kurz nach der Wende 1989, sagt der heutige Chef des “Regionalverkehrs”, wurde auf dem Gelände des “Kraftverkehrs Mühlhausen” ein Lager der Zivilverteidigung geöffnet. Niemand außer “Befugten” hatte es je betreten dürfen.
Hinter der Tür lagen ordentlich zusammengefaltet ein Dutzend weißer Schutzanzüge.

© 1999 Tagesspiegel Online-Dienste GmbH

Eine Tonne geladen zu “Geigerzähler in Thüringen”

  1. 1
    axel t. meint:

    diese welt ist so krank wie die, die sie (be)herrschen….

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